|
Seite 5 von 46 5. Etappe Nachdem ich einen ganzen Tag diese lang gezogenen Ortschaften zu Fuß abgelaufen bin und von einer Scheußlichkeit in die nächste geriet, ist mein Frust komplett. Was mache ich nur auf Gomera? Wie war es nur schön auf Bali, wo der Fahrer einen am Flughafen abholte, man ein, zwei, drei Bleiben befragte und sich dann für die Großartigste entschied. Die Tage sonnig, die Nächte lau, die Balinesen super-süß und das Ganze spottbillig. Auf Gomera wandere ich über betonierte Straßen entlang des vom rauen Atlantik umspülten lava-geröllten oder schwarz-kiesigen „Strand“, während manchmal, aber nur manchmal eine Schneise durch die schnell hochgezogenen Beton-Appartementhäuser den Blick in die Bananen-plantagen frei gibt. Vor zwölf Jahren saß man hier noch unter Bambushütten in Maria’s Bar und nahm den obligatorischen Sundowner an der Promenade. Maria gibt es immer noch, nur die Bambushütten sind verschwunden und vor der Bar fahren jetzt die Autobusse lang. Ich kaufe eine Flasche Wein und schreibe mir den Frust von der Seele. Warum nur bin ich nicht nach Bali geflogen? Der nächste Tag fängt eigentlich ganz gut an. Die Zugehfrau fragt, ob ich ihr Häuschen anschauen will. Hier hat anscheinend jeder ein Häuschen an der Playa. Beglückt gehe ich hin. Von außen sieht’s ganz nett aus, direkt an der Strandpromenade gelegen. Innen schlägt mir der Mief entgegen. Die Küche uralt, die drei Zimmer mit Betten zugestellt, sonst nichts. Kein Tischchen, kein extra Sessel, die Terrasse ohne Liegestuhl. Hinter dem Häuschen bäumt sich überdimensional ein im Bau befindlicher Hotelblock auf. Das Frühstück wird sozusagen mit sich durch Beton schneidenden Flex-Sägen unterlegt. Ich lehne dankend ab. Aus der gestrigen kilometerlangen Wanderung habe ich gelernt. Um die restlichen Adressen auf meiner Liste abzuklappern, ordere ich ein Taxi mit dem netten Fahrer meines Ankunftstages. Wir fahren durch die Dörfer, halten an, ich steige aus, besichtige wenn möglich, erhalte entweder eine Absage, weil bereits belegt, oder komme erst gar nicht an die Rezeption, weil bereits geschlossen (wahrscheinlich weil bereits belegt), oder schaue kurz rein und entgeistert wieder raus, weil recht hässlich, kurz um: einige Stunden weiter bin ich nicht weiter gekommen und habe immer noch nichts. Die einzige Ausbeute ist ein Angebot im oberen Treppendorf, ca. 100 Stufen den Hang hoch, ein winziges Zimmerchen mit Kühlschrank und Bett und dazugehöriger, zugebenermaßen traumhafter Dachterrasse und Panorama-blick über das Tal und das Meer. Es hat was und wäre im Sommer, wenn man ständig draußen leben kann, sehr romantisch. Aber jetzt, im gomerianischen Winter, wo das Thermometer ab 20.00 h ganz gerne mal bis auf 17 Grad absinkt? Also von 20.00 bis 24.00 h als einzige kuschelige Sitzgelegenheit das eher milbige Bett? Klingt mir nicht wirklich verlockend. Bin ich zu anspruchsvoll? Bin ich versaut durch die traumhaften Locations auf Bali? Bin ich zu alt für Experimente? Bin ich ein Luxusweibchen? Bin ich zu bequem zum Treppensteigen? Einfach eine faule Sau? Mein Interesse scheint sich komplett vom normalen Touristen zu unterscheiden. Ich wollte einfach mein schönes Zuhause zuhause mit einem schönen Zuhause in der Sonne vertauschen. Da ich Gomera kenne, reizen mich tagelange Ausflüge nicht mehr. Ich will hier nur einfach im Warmen leben und arbeiten. Aber um gut zu leben, muss man auch schön wohnen. Himmel hilf! Ich möchte ein kleines, nettes, charmantes Quartier. Ist das zu viel verlangt?
|