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Wu Wei
Die Geschichte von der lebenden Toten
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Marie hatte eine Freundin, die führte ein Beerdigungsinstitut. Eines Tages ging Marie sie besuchen. Es war gerade jemand gestorben und Marie wollte die Tote verabschieden. Als sie in die feierlich geschmückte Halle trat, spürte sie gleich, dass die Verstorbene es sich nicht leicht gemacht hatte. Sie wirkte sehr zerbrechlich, wächsern und ihre Lippen waren zusammen gepresst vom Kampf mit dem Abschied. Marie schloss die Frau in ihr Gebet ein und wünschte ihr, ins Licht zu gehen. Da öffnete die Tote ein Augenlid und blinzelte ihr erstaunt zu. Wer bist du, fragte sie Marie. Ich bin nur jemand, den es betrübt, dich so gefangen zu sehen. Du bist jetzt erlöst von deinem Leiden und deine Lieben im Licht erwarten dich schon. Löse dich von deinem Leben und gehe ihnen mit Freude entgegen. Du kannst hier nicht mehr bleiben, deine Zeit ist abgeschlossen. Erkenne, dass du dich jetzt ausruhen kannst, bis du für ein neues Leben wiederkehrst.

Ich will noch nicht gehen, sprach die Tote, es kam zu plötzlich. Aber so plötzlich kann es nicht gewesen sein, ich sehe, dass du eine schwere Krankheit hattest, antwortete Marie. Ja, ich hatte Krebs und zum Schluss war kein Körperteil in mir mehr heil. Warum hast du dich nicht auf den Tod vorbereitet, wollte Marie wissen. Weil mir der Tod unheimlich ist, ich hänge am Leben. Wie kannst du am Leben hängen, wenn dein Leben nur Angst und Krankheit war, wunderte sich Marie. Aber es war ein Leben, sagte die Tote. Was du jetzt erfahren darfst, ist viel schöner, als dein altes Leben war, versprach Marie. Du wirst gebadet in Licht und alle, die du lange nicht gesehen hast, warten auf dich, um dich willkommen zu heißen. Auf der anderen Seite des Schleiers wirst du erkennen, was das Leben wirklich meint.

Wenn du im Schatten deiner Ängste lebst, kannst du nicht sehen, was das Leben ausmacht. Solange du an deiner Angst festhältst, wird sie dich krankmachen, aber wenn du den Weg des Licht gehst und die Ängste durchlebst, lässt du sie automatisch los. Du hast den Glauben an dein Leben begraben und nun liegst du selber auf der Bahre. Du hast gelebt, aber dich nicht wie eine Lebende verhalten. Da war zuviel Hoffnungslosigkeit, zuviel Schmerz, zuviel Angst. Wenn du das nächste Mal wieder kommst, erinnere dich daran und lebe dein Leben in Vertrauen und Leichtigkeit. Lebe es lebendig. Das nächste Mal. Und nun wünsche ich dir eine gute Reise.

Da schloss die Tote wieder die Augen und machte sich bereit für ihren letzten Weg.

 

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